Wer sich mit dem Schreiben von Geschichten beschäftigt, kennt das Problem vermutlich. Man hat eine Idee, schreibt einfach drauf los und plötzlich wird die Geschichte langweilig. Sie zieht sich in die Länge und so langsam verliert man die Lust daran. So zumindest ging es mir in der Vergangenheit oft genug.

Vorbereitungen vor dem Schreiben

Grundsätzlich hilft es, sich vor dem Schreiben einmal mit Grundsätzen der Story-Theorie zu beschäftigen. Man kennt es teilweise noch aus der Schule und es schadet nicht, sich das noch einmal vor Augen zu führen.

Vereinfachtes Story Paradigma

(Siehe auch: Grundlegende Struktur einer Story)

Klassischer Weise teilt man eine Geschichte in 3 Akte – für die eigene Struktur kann man natürlich auch eine andere Unterteilung wählen. Da der mittlere Teil recht lang ist, bietet sich dort eine strukturelle Teilung in zwei Hälften an. Wichtig sind hierbei die inhaltlichen Schwerpunkte. Es wird eine Einleitung des Protagonisten und Antagonisten benötigen, einen Konflikt, einen ShowDown etc. Plot Points und Central Point liefern zusätzlich einen strukturellen Rahmen und Orientierung für die Entwicklung der eigenen Geschichte.

Ideen für Szenen sammeln

Gerade, wenn man noch frisch dabei ist und Feuer und Flamme für die neue Idee, dann will alles erstmal irgendwie zu Papier gebracht werden. Da ist diese eine Szene, die man unbedingt drin haben will – und der eine Dialog zwischen zwei Figuren, die einem wichtig sind und das Bild von einem Setting, was irgendwie auch noch Platz finden will. Dummer Weise ist das im ersten Moment alles noch so chaotisch, dass man sich kaputt macht, wenn man versucht, jetzt von A nach Z seine Geschichte nieder zu schreiben. Vielmehr befindet man sich in einem „Open Mode“, wie John Cleese es in seinem Vortrag über Kreativität nannte. Und es wäre nicht gut, diese Ideen jetzt schon zu bewerten.

Es hilft also nur eins: Alles aufschreiben – ohne Blick auf die Reihenfolge. Hilfreich sind hierbei Karteikarten, die man später dann einfach neu sortieren kann.

Geschichten weben

Wenn man nun für jede Szene, die man sich für seine Geschichte vorstellt, erstmal einen Arbeitstitel auf eine Karteikarte schreibt, so kann man die einzelnen Szenen später zu einer richtigen Geschichte „verweben“. Es lassen sich neue Szenen einfach hinzufügen und bestehende tauschen. Manchmal stellt man im Prozess fest, dass man da noch eine Szene braucht, um die Motivation des Protagonisten oder der Protagonistin besser sichtbar zu machen. Wird es Flashbacks geben?

Auf analogen Karteikarten ist freilich nur wenig Platz, um eine erste Zusammenfassung oder gar Ideen zu einem Dialog für eine Szene zu notieren. Hier können entsprechend spezialisierte Programme weiterhelfen. Mit dem Karteikartensystem bin ich erstmalig bei dem Programm Final Draft in Verbindung gekommen. Final Draft ist das professionelle Tool zum Schreiben von Drehbüchern, dass die entsprechenden Formatierungsstandards direkt mitbringt. Jede Scene wird dabei durch eine Scene Card zusammengefasst, deren Eckdaten zu Ort und Zeit die Grundlage des Scene Heading darstellt. Gleichzeitig kann man ein Summary verfassen, um zunächst die grundsätzliche Story zu skizzieren, ehe man die Scenen und Dialoge ausformuliert. Es ist wie bei einer komplexen Zeichnung. Erst Ideen sammeln, Vorzeichnung machen und dann ausarbeiten.

Karteikarten in FinalDraft

Scene Cards in Final Draft 8

Das Programm Scrivener ist nun weniger auf Drehbücher spezialisiert, nutzt dennoch ebenfalls eine Kartenlogik. Neben einem Titel und einem Summary kann man hier jedoch auch Bilder für die einzelnen Scenen hinterlegen. Auf diese Weise kann die Geschichte sukzessive entstehen. Hat man an der einen Stelle eine Schreibblockade, schreibt man an einer anderen weiter. Oder macht eine Zeichnung, die die Stimmung des Bildes gut transportiert.

Für mich ist hierbei eine Visualisierung sehr hilfreich. Sie hilft mir, möglichst zügig wieder in die Geschichte hinein zu finden, wenn ich eine Zeit lang nicht an dem Projekt arbeiten konnte. So habe ich mir für den INKtober 2015 vorgenommen, Szenen für mein Hutmacherin-Projekt zu illustrieren. In Scrivener sieht das dann aktuell für den ersten Block so aus:

Szenen Übersicht in Scrivener

Medienübergreifend denken

Das schöne an dieser Arbeitsweise ist, dass so erstmal völlig egal ist, wir man die Geschichte später einmal erzählen möchte. Egal ob als Buch, grafische Novelle oder als Film. Ich für meinen Teil habe mich noch nicht final entschlossen, welche Form die Geschichte der Hutmacherin schlussendlich annehmen wird.  Ist es ein Kinderbuch mit ein paar Illustrationen oder doch eine grafische Novelle? Vielleicht wird es auch irgendwann ein wöchentlicher Comic Strip hier auf der Seite – ich weiß es noch nicht.

Geschichten weben – Story weaving
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2 Gedanken zu „Geschichten weben – Story weaving

  • 30 Oktober 2015 um 09:46
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    lustig, ich habe gestern zum ersten mal seit jahren den anfang einer geschichte geschrieben. ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann. im moment bin ich beim brainstormen, wenn ich grade freie zeit habe. ich mache mir notizen und lerne zu allererst meine protagonistin kennen und meinen erzähler. ich finde es total spannend, bin von dem „echten“ prozess aber noch ein stück weit entfernt. diese programme sehen beide toll aus – ich nehme an, dass das keine freeware ist?

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    • 30 Oktober 2015 um 13:41
      Permalink

      Jeder kann Geschichten schreiben – das liegt in unserer Natur. :)

      Final Draft und Scrivener sind in der Tat kostenpflichtig. Aber schau für den Start doch hier mal rein. Je nachdem, unter welchem Betriebsystem du unterwegs bist, findest du da womöglich eine Alternative. :)
      http://variationsphase.de/vp/2015/10/software-zum-geschichten-schreiben/

      Ich glaube, DEN Prozess dafür gibt es auch nicht. Es gibt unterschiedliche Ansätze. Aktuell lese ich ein Buch von John Truby, der über die Anatomie einer Geschichte schreibt und daraus Ansätze für einen Prozess ableitet. Wenn ich soweit bin, werde ich dazu bestimmt auch nochmal etwas schreiben.

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