Als Sari Ende März die vier Begriffe für den April veröffentlichte, fragte ich mich, ob ich ein weiteres Kreativexperiment wagen sollte. Ich hatte mir in Miro eine Brainstorming-Vorlage gebaut: Eine Matrix bestehend aus den vier Signposts und den vier potentiellen Handlungssträngen entsprechend der Dramatica Theorie. Im Januar hatte ich versucht, eine Kurzgeschichte aus den Begriffen zu konzipieren, dieses Mal sollten es kleine Comicseiten werden.
Inhalt
Die Idee wird konkret
Der erste Begriff „Kuscheltier“ war für mich die Hauptentscheidung, in welche Richtung sich dieses Miniprojekt entwickeln könnte.
- Eine Geschichte über ein Kuscheltier? Vielleicht, eines, das verloren ging?
- Eine Geschichte, in der das Kuscheltier die Hauptfigur darstellte? Doch das erinnerte mich zu sehr an Toy Story.
Und dann landete ich wieder in meiner eigenen Welt. Der ein oder andere kennt vielleicht die „Hutmacherin“ noch. Nun, aus ihr hat sich mittlerweile eine eigene Figur entwickelt. Und so überlegte ich, dass Enya sich natürlich gut zwischen Kuscheltiere verstecken könnte. Doch in welcher Konstellation könnte sie das tun, ohne zu viel von der Hauptstory vorweg zu nehmen?
Es kamen drei Figuren in Frage:
- Kilian Vaith, einem jungen Mann, den Enya seit Kindertagen kennt?
- Charlotte Weidenfels, ein Mädchen, das nach einem Umzug Enya begegnet?
- Ursa Thalen, die ältere Dame, die Kilian und Enya aus gewissen Gründen immer wieder besuchen.
Je nach Figur würde sich das Setting vollständig verändern und unterschiedliche Aspekte der Welt zeigen. Ich fand, dass Ursa Thalen eine geeignete Perspektivfigur zwischen der Welt und euch als Lesern war, um euch ein wenig rein zu holen, ohne dass ich Angst vor zu vielen Spoilern haben müsste.
Da vier Begriffe noch nicht zwingend eine Geschichte ergeben, ordnete ich sie im nächsten Schritt einerseits einer thematischen Reihenfolge zu, andererseits nach bestem Wissen und Gewissen den „Handlungssträngen“. Die zeitliche Reihenfolge war hierbei entscheidend für die Posts.
In dem nachfolgenden Miro Screenshot könnt ihr die Aufteilung grob sehen.

Die Handlungsstränge bilden die Spalten. Wir haben – ähnlich wie bei der Kurzgeschichte – wieder 4 Ebenen: Die Gesamtstory, die Perspektive der Hauptfigur, die Perspektive ihres Impact Chracters und die Beziehungsebene zwischen den beiden.
Als Zeilen wiederum habe ich den zeitlichen Ablauf eingeteilt: Setup, Plot Point 1, Mittelpunkt, Plot Point 2. Ich begann mit der chronologischen Aufteilung aus Saris Aufstellung. Musste jedoch später feststellen, dass es etwas besser funktionierte, „Gelernt“ und „Fantasie“ zu tauschen.
Die Cyan-farbenen Zettel in der Mitte orientieren sich an den Signpost Themen der jeweiligen Klasse. Das Prinzip hatte ich im Rahmen der Kurzgeschichte schon einmal erklärt. Die grauen Zettel sind dann inhaltliche Formulierungen abgestimmt auf die Minigeschichte, wobei ich dann die zentralen Punkte, an denen ich mich für die Comicseite orientieren wollte, rot markiert habe.
Der Plot ist diesmal weniger komplex. Mit den vier Begriffen habe ich vielmehr eine Beziehungsebene aufgegriffen.
Die Grundlage für den Comic entsteht
Aus dem Miro-Brainstorming entstand ein textuelles Konzept für den Comic. Das ist eine Art Drehbuch, das pro Seite jedes Panel – aufgeteilt in Zeilen – beschreibt. Hier habe ich bereits eine erste Dialog-Fassung notiert. All das geschah noch Ende März, sobald die Begriffe öffentlich waren. Denn es muss erst die Gesamtkonzeption stehen, bevor man dann gut zeichnen kann. Denn jedes Objekt, das später benötigt wird, muss ja ggf. bereits zu Beginn im Hintergrund sichtbar sein, um eine gewisse Plausibilität zwischen den Seiten zu erzeugen.
Beispiele:
Am Ende von Seite 2 schaut Ursa zum Klavier, Seite 3 spielt direkt am Klavier. Da Seite 1 im gleichen Zimmer (Wohnstube) spielt, muss das Klavier bereits auf Seite 1 im Hintergrund sichtbar sein. Eine alte Standuhr schlägt auf Seite 4 und erinnert an die Mittagszeit. Diese muss also die ganze Zeit schon im Raum sein, vorzugsweise in der Nähe des Klaviers, damit man von dort aus gut hinschauen kann.
Da drei Seiten hauptsächlich in einem Raum spielen, meldete sich das Produktionsdenken bei mir. Wie würde es mir gelingen, die vier Seiten vom Setting her konsistent zu halten? Vor meinem inneren Auge entstand bereits das Wohnzimmer von Ursa Thalen, doch würde ich es über mehrere Panel stabil halten können?
Hier diskutierte ich kurz mit ChatGPT und es ermahnte mich, nicht zu Unrecht, hier nicht einen perfekten Produktionsprozess zu suchen, sondern den Aufwand im Blick zu behalten. Ziel sollte es sein, die Idee auch wirklich bis zum Ende durchzuziehen.
Comic im Kleinformat
Normalerweise zeichnet man Comic ja eher größer und verkleinert dann, damit man die Details besser ausarbeiten kann. Da ich aber nur begrenzt Zeit zur Verfügung habe, entschied ich mich, eher in ein kleineres Format zu gehen. Somit zwang ich mich, zu vereinfachen.
Ich zeichnete also analog in meinem A5 Skizzenbuch mit Ringbindung. Schnell merkte ich beim Zeichnen, dass ich bei der Größe gar nicht so wahnsinnig viele Details von der Umgebung zu sehen bekam. Denn die Emotionen entstehen ja über die Gesichter der Figuren und nicht durch perfekt gezeichnete Hintergründe.
Anforderungen an Text im Comic
Die zweite Erkenntnis, die mich wie ein Schlag traf: Ich hatte viel zu viel Text für die Panels geplant, um in diesem kleinen Format zu funktionieren. Für Seite 1 und 2 kürzte ich nach dem Zeichnen, damit es irgendwie hinein passte.
Anschließend schrieb ich das Konzept für Seite 3 und 4 noch einmal um. Ich kürzte den Text drastisch. Was war für die Grundbotschaft wichtig? Was nicht? Was konnte hinreichend über Bild gezeigt werden?
Natürlich bedeutete das auch, dass manche Information nicht getragen werden konnte. Auch inhaltlich veränderten sich Seite 3 und 4 dadurch noch einmal. Ich denke, mein erstes, sehr textlastiges Konzept war teilweise der Tatsache geschuldet, dass ich zuletzt viel Fließtext formuliert habe und weniger in Comic gedacht habe. Es brauchte einfach Seite 1 und 2, um mich entsprechend zu justieren.
Beispiel für Seite 4 im Vergleich
Teil 4: Gesellschaft (P52, Kochen) – V1
Zeile 1:
Panel 1: Standuhr schlägt 12, Ursa schaut auf. „Es wird Zeit, dass ich Mittag mache.“ Enya: „Kann ich mitkommen?“
Panel 2: Ursa hält Enya ihre Hand hin. „Bevor du hier allein in meinem Haus herumgeisterst“
Zeile 2:
Panel 3: Küche – Ursa steht in der Tür, Enya vor sich auf der Hand. „Es wird allerdings nicht sehr spannend, denn ich werde einfach die Reste von gestern warm machen.“
Zeile 3:
Panel 4: Ursa lässt Enya neben dem Herd hinunter.
Panel 5: Ursa rührt im Topf, Enya schnuppert
Panel 6: Ursa holt einen großen und einen kleinen Teller heraus. „Es ist so selten, dass ich Gesellschaft beim Essen habe.“
Teil 4: Gesellschaft (P52, Kochen) – V2
Zeile 1:
Panel 1: Standuhr schlägt 12
Panel 2: Ursa hält Enya ihre Hand hin. „Mittagszeit.“
Zeile 2:
Panel 3: Ursa lässt Enya neben dem Herd herunter.
Panel 4: Ursa rührt im Topf.
Panel 5: Enya schnuppert.
Zeile 3:
Panel 6: Ursa stellt zwei große und einen kleinen Teller auf den Tisch. „Es ist selten, dass ich beim Essen Gesellschaft habe.“
Panel 7 (ganz schmal): Finger an der Türklingel
Panel 8: Ursa verharrt vor dem Tisch, schaut zur Tür „Er hat länger gebraucht, als ich gedacht hätte.“
Mini-Produktionsworkflow
Zeichnung und Lineart fertigte ich pro Seite an. Über das Osterwochenende lief die meiste Arbeit. So konnte ich mir gut merken, welche Fineliner-Stärke ich wofür genutzt hatte, um einen halbwegs stabilen Strich herzustellen. Nur auf Seite 1 hatte ich den ersten Text zu fett gesetzt. Ich fertigte pro Seite zunächst Bleistiftvorzeichnung und Inking an. Das Inking dann immer direkt, damit ich die Ideen, die ich im Kopf hatte, sofort umsetzen konnte.

Am Ende waren es bei meinen Micron Finelinern:
- 005 – Für kleine Details und Hintergründe
- 01 – Linien weiter vorn, Text in den Sprechblasen
- 02 / 03 – Umrisse von Figuren im Vordergrund
- 03 – Outline der Sprechblasen
- 08 – Rahmen der Panels
Die Papierstruktur hat mir hier manchmal einen Streich gespielt, weil der Strich dann doch nicht so gerade wurde. Doch alles in allem ist das Ergebnis für das Format (ca. 10 x 15,5 cm) ganz okay.
Erst als die Konturen für alle vier Seiten finalisiert waren, kolorierte ich alle vier Seiten parallel, um so die Farben stabil zu halten. Für Aquarellbuntstifte war das Papier leider zu dünn. Da ich von meinen Polychromos nur die kleine Packungsgröße habe, griff ich zu den KOH-I-NOOR Künstlerbuntstiften.

Im ersten Schritt kolorierte ich nur Ursa und Enya über alle Seiten, damit die Farbgebung stabil blieb. Die restlichen Farben zog ich dann sukzessive nach. Immer mit Augenmerk darauf, das jeweilige Farbaufkommen über alle Seiten durchzuziehen.
So konnte ich das Kolorieren anschließend ein wenig von der Arbeit her verteilen und musste zum ersten Beitrag noch nicht alles fertig haben. Als ich alles fertig hatte, konnte ich die Beiträge schon einmal vorbereiten und musste anschließend lediglich die Verlinkungen nachtragen.
Fazit
Am Ende war dieses Kleinprojekt auf mehreren Ebenen interessant für mich.
Einerseits versuche ich ja mehr Übung bei der Anwendung von Dramatica zu erhalten. Hierbei helfen vor allem solche kleineren Projekte, die nicht in Jahrelanger Arbeit ausarten, um eine Routine entwickeln zu können. Denn das Dramatica Konzept ist – wie ihr seht – recht komplex und es gelingt mir bis heute nicht, die zweite Ebene im Kopf zu behalten.
Andererseits war auch das Transponieren von Text zu Comic eine gute Übung, da eine Storyidee zwar Medienneutral ist, ihre konkrete Ausgestaltung jedoch stark vom Medium abhängt.
Alles in allem bin ich mit dem Ergebnis zufrieden und vor allem Happy, dass ich es durchgezogen habe. Mal schauen, was der nächste Monat bringen wird. Ich werde sicherlich versuchen, es wieder in irgendeiner Form mit meinen persönlichen Projekten abzustimmen, wobei die Themenliste hierfür diesmal eher knifflig zu sein scheint.