Da meine Sachen im Haus quer verteilt sind, muss ich zum Zeichnen immer einen gewissen Aufwand betreiben, bis ich überhaupt loslegen kann. Diese „Rüstzeit“ steht mir oft im Weg und lässt mich kleine Lücken nicht für mein Hobby nutzen. 

Also habe ich mich vor allem in 2025 viel stärker aufs Schreiben und Worldbuilding konzentriert. Ich habe viel Konzeption betrieben und merkte schließlich: Ich habe jedes Gefühl für Schreibroutine verloren. 

Der gute Vorsatz für 2026 lautete daher, endlich wieder eine Schreibroutine aufzubauen. Doch wo fängt man da eigentlich an? Nach allerlei philosophischer Diskussion mit ChatGPT ging mir plötzlich ein Licht auf: Beim Turnen ist es ganz normal, dass wir einen guten Teil unserer Trainingszeit für die Erwärmung und Grundlagenarbeit nutzen. Meine Kinder spielen sich vor Klavierauftritten natürlich am Instrument ein. Auch für das Zeichnen habe ich diverse Basisübungen als Warm-Up gelernt. 

So entschloss ich mich, das Ganze auch auf das Schreiben anzuwenden. Diese Einstiegsübungen sollen kleine Fingerübungen sein, die nichts mit den eigentlichen Schreibprojekten zu tun haben müssen. 

Die Einstiegsübungen sind im Grunde mehr als eine einfache Erwärmung. Sie nehmen den Erwartungsdruck und erlauben Scheitern, denn nichts, was bei dem Warm-Up entsteht, muss an die Öffentlichkeit. 

Es sollte ein Ritual werden, um endlich wieder in einen Schreibfluss zu kommen ohne von perfekten Rahmenbedingungen abhängig zu sein.  

Märchenwürfel oder Storycubes 

Ich nehme 3 Märchenwürfel, würfle und nehme die drei Begriffe, die mit den Bildern einher gehen als grobe Inspiration. Ziel sind ca. 250 Wörter, keine große Handlung. Es ist mehr eine Momentaufnahme mit szenischen Beschreibungen, innerem Monolog und manchmal etwas Dialog, wenn es sich ergibt. Aber im Grunde gilt: Alles ist erlaubt, so lange es kurz bleibt. 

Das ganze landet in einer eigenen Scrivener Warm-Up-Datei, wo ich die Dokumente einfach mit Datum benenne. Es gibt also keinen Titel und auch sonst keinen literarischen Anspruch. 

Hier für euch einfach mal ein Beispiel: 

Märchenwürfel von Trötsch. Gewürfelt: Apfel, Katze, Wald
Märchenwürfel: Katze, Wald, Apfel
Neugierig betrat die Katze den Wald. Nahezu geräuschlos setzte sie ihre kleinen Pfoten auf den weichen Waldboden. Sie schloss die Augen und hob die Nase - der Duft des Waldes war viel angenehmer als der Gestank der Stadt. Die Bäume, das Moos, die Pilze, alles war voller Leben. Das Licht fiel in sanften Strahlen durch die Krone der Bäume. Die Katze rieb sich schnurrend an einem Baum, bevor sie weiter ging. Doch was war das? Ein kleiner Schmetterling flatterte leicht und verspielt an ihr vorbei. Sie konnte ihrem inneren Drang nicht widerstehen und haschte nach ihm. Mit jedem ihrer Sprünge flog er höher und führte sie gleichzeitig tiefer in den Wald. Schon bald gab die kleine Katze das Spiel auf. Erst jetzt, als sie sich umsah, erkannte sie, dass sie den Weg verloren hatte. 

Kläglich mauzte sie in die Stille des Waldes hinein, doch niemand antwortete ihr. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, sie würde allein den Weg zurück suchen müssen. Auf leisen Pfoten schlich sie durch den Wald; duckte sich unter Sträuchern hinweg und hielt immer wieder die Nase in den Wind. So kam es, dass sie bald eine Lichtung erreichte. Das war zwar nicht der Weg nach Hause, doch sie hörte Kinder lachen. Auf der Lichtung standen mehrere kleine Apfelbäume und die Kinder liefen im Spiel um sie herum. Schon bald entdeckte eines der Kinder das Kätzchen. „Oh, die ist aber niedlich!“, rief es entzückt und hielt der Katze vorsichtig die Hand hin. Bereitwillig ging die Katze auf das Kind zu, schnupperte und schmiegte den Kopf gegen die Hand des Kindes. Vorsichtig nahm das Kind sie auf den Arm und freute sich: „Awww, schaut mal, wie lieb sie ist. Und sie schnurrt ganz laut.“ Vielleicht konnten diese Kinder der Katze helfen, zurück zu den Menschen zu finden. 

Wenn ihr Lust habt, das auch einmal zu probieren, habe ich euch hier mal ein paar solcher Würfelsets herausgesucht, die es von mehreren Herstellern gibt. 

Thematischer Einstieg 

Während der Impuls durch die Würfel eine losgelöste Fingerübung darstellt, gibt es auch die Möglichkeit, sich thematisch gleich stärker auf das Projekt einzustimmen. Auch diese Schreibübung landet in meiner Warm-Up Datei. 

Aktuell schreibe ich beispielsweise an einer Novelle, in der wir die Geschichte durch die Perspektive eines jungen Mannes wahrnehmen. Es gibt dort auch eine junge Frau, doch die Leser erfahren nicht, was sie denkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich als Autorin nicht wissen muss, was in ihrem Kopf vorgeht. 

Also schreibe ich in meiner zweiten Erwärmungsübung noch einmal ca. 250 Wörter aus dem Bauch heraus zu einem Aspekt, der nicht in das finale Werkstück einfließen wird. Also entweder eine Szene aus ihrer Perspektive oder etwas, das im Hintergrund passiert und die Leser erst später erfahren. 

Ziel ist vor allem, mich selbst in die Atmosphäre der Story herein zu holen. „Der Appetit kommt beim Essen.“ hat mein Großvater immer gesagt. Und so ein bisschen ist es beim Schreiben auch. Das Anfangen fällt mir manchmal schwer, doch mit diesen zwei Steps komme ich bisher ganz gut rein. 

Eine Szene 

Anschließend geht es in mein aktuelles Projekt. Ich schreibe dann an der nächsten offenen Szene weiter oder die Szene, die mir gerade „unter den Nägeln“ brennt. Letzteres ist dann nicht zwingend chronologisch. Da es zu allem schon Notizen gibt, komme ich inhaltlich relativ schnell rein. 

Die einzelnen Abschnitte lasse ich dann von ChatGPT schon einmal prüfen. So finden sich frühzeitig Rechtschreibfehler, verkorkste Zeitformen oder auch das typische Dilemma von übrig gebliebenen Satzbausteinen nach dem Umbau oder unschöne Wortwiederholungen. 

Tiefer gehe ich dann jedoch noch nicht. Die Finalisierung des Textes findet erst statt, wenn alles fertig ist, da ich dann eventuell noch einmal Übergänge glätten oder Lücken schließen muss. 

Nach der einen Szene (ca. 700 bis 1000 Wörtern) höre ich bewusst auf. Auch wenn es mir vielleicht noch in den Fingern juckt. Das erfüllt zwei wichtige Aspekte. 

a) Pondering Time

Wenn ich jeden Tag nur eine Szene ausformuliere, so lasse ich meinem Unterbewusstsein Zeit, sich mit der Story zu beschäftigen. Das würde wegfallen, wenn ich zu viel auf einmal schreibe. Dieses unbewusste sinnieren über das Projekt nennt John Cleese „Pondering Time“ in seinem „Speech on Creativity“. 

b) Routine und Gewohnheit aufbauen

Mein Ziel ist es jetzt vor allem, eine Schreibgewohnheit zu entwickeln. Es ist mir also lieber, jeden Tag ein bisschen zu schreiben, als mal wieder in Euphorie mehrere Tage ganz viel, nur um dann wieder abzubrechen und alle Projekte brach liegen zu lassen. 

Fazit 

Ich verfolge diesen Ablauf nun seit dem 02. Januar 2026. Leider kommt mir doch häufiger der Alltag dazwischen, sodass ich manchmal erst am Abend, wenn die Kinder im Bett sind, zum Schreiben komme oder auch einfach ins Bett falle und dann nicht geschrieben habe. Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit für uns Teilzeit-Kreative: Wir brauchen flexible Rituale in die wir immer wieder einsteigen können, ohne uns selbst zu sehr zu ärgern, wenn es einmal nicht geklappt hat. 

Auch umgedreht gilt übrigens: Wenn ich so richtig tief in einer Szene drin bin, dann überspringe ich das Warm Up. Denn eigentlich schreibe ich dann mehr mein Kopfkino nieder und ein Warm-Up würde mich eher raus bringen. 

Für diese Momente habe ich mittlerweile auch eine mobile Lösung für mich gefunden. Doch zu der erzähle ich euch lieber in einem eigenen Beitrag mehr. 

Schreibroutine aufbauen trotz Alltag – Schreibrituale als Warm-Up
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