Eigentlich hatte ich überlegt, jeden Monat eine Kurzgeschichte zu veröffentlichen, die sich in ihrem Plot an den Schlagworten des Projekt 52 von Sari entlang hangelt. Einfach nur, um Story Konzeption zu üben. 

Leider stellte ich schnell fest, dass das Konzept zwar zügig aufgebaut war, ich aber die Zeit zum Schreiben nicht fand. Damit die Arbeit nun nicht völlig umsonst war, nehme ich es einfach mal als Beispielmaterial, um euch meinen aktuellen Workflow der Storykonzeption mit Dramatica zu erklären. 

Schritt 1: Die Themen und ihre Zuordnung

Klassischer Weise folgen Geschichten einem inneren Aufbau. 

  • Setup: Wer sind die handelnden Figuren? Wo spielt die Geschichte? Welche Zeit?  
  • Plot Point 1 (PP1): Ein Ereignis, das die ganze Geschichte ins Rollen bringt
  • Central Point (CP): Der Höhepunkt der Geschichte, etwas, dass die Handlung kippen lässt. Es läuft nun anders als erwartet. 
  • Plot Point 2 (PP2): Die Lösungsidee oder das Ereignis, das uns in die Auflösung des Konflikts und zum Ende der Geschichte führt 

Im Projekt 52 von Sari gab es für Januar 4 Themen und ich nahm mir einfach vor, jeder dieser Phasen ein Thema zuzuordnen. So hätte ich die Kurzgeschichte in 4 Teilen veröffentlichen können und den thematischen Kern getroffen. 

Für Januar waren die Themen: Blume, Geld, Kleinigkeit und Fotografie

Daraus ergab sich entsprechend: 

  • Setup: Blume
  • PP1: Geld
  • CP: Kleinigkeit
  • PP2: Fotografie

In der Anwendung könnte das dann zum Beispiel so aussehen: 

Setup:
Eine junge Frau, Inhaberin eines Blumenladens. Das Geschäft ist ruhiger geworden, die Menschen haben nicht mehr so viel Geld. 

PP1: 
Mieterhöhung, wenn sie nicht zahlen kann, muss sie raus. 

CP: 
Sie bekommt einen Auftrag, das Blumenarrangement für eine besondere Veranstaltung (Hochzeit?) zu machen. Der Auftraggeber ist sehr wohlhabend und ihr Laden wurde empfohlen. Er leistet eine Anzahlung, für ihn eine Kleinigkeit, für sie die Mietabsicherung der nächsten zwei Monate. 

PP2: Fotografie 
Der Auftraggeber schickt seinen Fotografen vorbei, der mit ihr und der Braut die Farben abstimmen soll. Der Fotograf arbeitet in einem Studio, wo sie öfter Blumenarrangements brauchen und schlägt vor, sie seinem Chef vorzustellen, Würde das klappen, hätte sie regelmäßig Aufträge. 

Schritt 2: Zuordnung der Rollen und Erzählstränge

Aus der ersten Anwendung der Themen haben sich bereits erste Rollen abgeleitet. Im Dramatica-Modell spricht man von so genannten „Throughlines“. Das sind im Grunde Erzählebenen oder Handlungsstränge. Es gibt davon vier an der Zahl. Laut dem Modell erleben wir also eine Geschichte auf vier Ebenen. 

Eine der Ebenen beschäftigt sich mit dem Main Character. Der Main Character beschreibt im Dramatica Modell die Figur, durch die wir die Handlung wahrnehmen. Das ist nicht zwingend der Protagonist, kann es aber natürlich sein. 

Main Character Throughline ist in meinem Experiment die junge Frau mit ihrem Blumenladen. 

Neben dem Main Character haben wir noch einen Impact Character. Dieser wiederum beeinflusst den Main Character. Nicht unbedingt als Antagonist. Die Beziehung zwischen Main Character und Impact Character ist eine der vier Erzählebenen im Dramatica-Modell. Für gewöhnlich verändert sich für eine der beiden Figuren etwas, während die andere in ihrem Mindset bleibt. 

Hier war ich kurz unsicher. In einer ersten Überlegung war der Impact Character der Auftraggeber. Ich diskutiere solche strukturellen Dinge tatsächlich gern mit Chat GPT und es gab mir den Hinweis, dass einfach nur „Miete der nächsten zwei Monate ist bezahlt“ keine wirkliche Veränderung für die junge Frau bedeutet. Es ist nur eine temporäre Entlastung. Wer würde in ihrem Leben wirklich etwas verändern? 

In diesem Ping Pong schärfte sich dann der Plot Aspekt für den Fotografen, den ich zum Impact Character machte. Das ist die zweite Erzählebene. 

Die Relationship Throughline beschreibt dann die Beziehung zwischen den beiden. Wobei Beziehung hier nicht romantisch zu verstehen ist. Sie erzählt den dem Auftraggeber und dem Fotografen  also davon, dass ihr Laden bald zu machen muss, da sie sich die steigenden Kosten nicht mehr leisten kann. 

Objective Throughline ist dann  die übergeordnete Ebene der Geschichte. Die Mieterhöhung droht den kleinen Blumenladen in die Insolvenz zu treiben. 

Schritt 3: Thematische Einfärbung der Erzählebenen

Nun kommt der spannende Teil von Dramatica. Das Modell definiert vier Klassen, die den vier Erzählebenen nach einem bestimmten System zuzuordnen sind. 

Diese vier Klassen lassen sich vereinfacht so beschreiben: 

  • Situation / Universe – Äußere Begebenheiten bestimmen die Handlung
  • Fixed Attitude / Mind – Inneres Festhalten an einer Einstellung o.ä. bestimmt das Handeln
  • Action / Physics – Aktives Handeln bestimmt den Handlungsstrang
  • Manipulation / Psychology – Beeinflussung und Umdenken bestimmen das Handeln. 

Wer da tiefer eintauchen will, findet sehr viele Informationen auf storymind.com – die Seite ist von der Urheberin des Modells. 

Ich entschied mich für folgende Zuordnung: 

  • MC: Psychology / Manipulation
  • IC: Activity
  • OS: Situation
  • RS: Fixed Attitude / Mind 

Das Dramatica Modell endet hier jedoch nicht, denn unter jeder Klasse folgen 3 weitere Ebenen: Typen, Variationen und Elemente. Die 64 Elemente sind dabei bei allen Klassen immer gleich, die Anordnung verändert sich nur. Das „Structure Chart“ visualisiert diese Ebenen sehr gut. Die Übersicht ist mittlerweile mein fester Begleiter geworden, wenn ich neue Storykonzepte aufstelle oder prüfe. 

Suchtipp: Unter „Dramatica Structure Chart“ findet ihr auf storymind.com die Visualisierung des Kernkonzepts. 

Schritt 4: Aufstellung der Signposts

In der Schule habt ihr bestimmt mal von dem 3-Akt-Modell gehört. Dabei haben wir immer so eine Verlaufskurve gezeichnet. In der klassischen Dramentheorie haben wir die Exposition, gefolgt von steigender Handlung, Höhepunkt, fallender Handlung und schließlich die Auflösung. 

Syd Field hat dieses Modell leicht erweitert und Plot Point 1 und Plot Point 2 als tragende Ereignisse ergänzt. Wenn ihr euch klassische Hollywood Filme anschaut, werdet ihr das Modell häufiger finden. Er hat mehrere Werke über Screenplay geschrieben. Wenn ihr dort tiefer eintauchen wollt, schaut einfach mit der Suchmaschine eurer Wahl nach ihm. 

Das Dramatica Modell teilt nun den zweiten Akt in der Mitte (am Central Point). So ergeben sich 4 Abschnitte, die als Signposts bezeichnet werden. Diesen Signposts werden die Types aus dem Structure Chart zugewiesen. Man bleibt pro Throughline dabei in seiner gewählten Klasse, die Reihenfolge der Types kann man jedoch selbst bestimmen. 

Main Character (Psychology / Manipulation)

  • SP1: Playing a Role
  • SP2: Conceiving an idea 
  • SP3: Developing a plan 
  • SP4: Changing one’s nature 

Impact Character (Activity)

  • SP1: Gathering information
  • SP2: Understanding
  • SP3: Doing
  • SP4: Obtaining 

Objective Story Throughline (Situation)

  • SP1: Present – Was ist gerade der Status quo für alle Beteiligten?
  • SP2: How Things are Changing – Was verschärft diese Situation objektiv?
  • SP3: Past – Welche Geschichte hält die Figuren hier fest?
  • SP4: Future – Welche Möglichkeiten ergeben sich – ohne Garantie?

Relationship Throughline (Fixed Attitude / Mind)

  • SP1: Memories
  • SP2: Impulsive Responses
  • SP3: Contemplations
  • SP4: Innermost Desires

Schritt 5: Das Storykonzept

Für eine Kurzgeschichte hätte ich konzeptionell auf dieser Ebene aufgehört. Für mein Romanprojekt gehe ich noch eine Ebene tiefer in die Variations. Ich hatte mir in Scrivener also schon 4 Karten angelegt in die ich jeweils die Notizen der Signposts zusammengefasst und Überschriften definiert. 

Durch die Beschreibungen der Signposts ergibt sich dann schon sehr klar der rote Faden für die Geschichte, die anschließend hätte ausformuliert werden sollen. 

Teil 1: Der Wert von Blumen (Thema: Blumen)

MC: Psychology / Manipulation | SP1: Playing a Role

Kleine Ladenbesitzerin (Blumenladen), wird schnell übersehen, eher ruhig

IC: Activity | SP1: Gathering information

Er wird Trauzeuge und hilft bei der Hochzeitsorga, er hört Empfehlungen und entscheidet mit. 

OS: Situation | SP1: Present – Was ist gerade der Status quo für alle Beteiligten?

Ihre Ist-Situation im Laden. 

RS: Fixed Attitude / Mind | SP1: Memories

Erste Begegnung, gemeinsamer Kontext 

Idee: Der Trauzeuge ist ganz zu Beginn im Laden, um sich zu erkundigen, ob sie so etwas anbietet. Sie tauschen Erinnerungen aus. Er erzählt, dass er findet, dass Blumen mehr sind, als nur ein dekoratives Accessoire auf den Kaffeetischen und er deswegen grünes Licht von seinem besten Freund hat, einen passenden Floristen oder passende Floristin zu finden, damit zumindest die Blumen perfekt sein würden an dem Tag. (Anmerkung: So habe ich  MC und IC ab Signpost 1) 

Teil 2: Die harte Wirklichkeit (Thema: Geld)

MC: Psychology / Manipulation | SP2: Conceiving an idea 

nach der Mieterhöhung denkt sie an Aufgabe

IC: Activity | SP2: Understanding

Er hat den Blumenladen empfohlen, weil er von vielen gehört hat, dass die Besitzerin ein tolles Gespür für Arrangements haben soll. 

OS: Situation | SP2: How Things are Changing – Was verschärft diese Situation objektiv?

Mieterhöhung erzwingt Änderung. 

RS: Fixed Attitude / Mind | SP2: Impulsive Responses

Er hört von der Mieterhöhung, sie weiß nicht, ob sie den Auftrag annehmen kann. 

Teil 3: Aufschub (Kleinigkeit) 

MC: Psychology / Manipulation | SP3: Developing a plan 

Mit der Anzahlung grübelt sie, ob sie nicht doch noch einmal in Ruhe alles prüfen sollte. Das Geschäft ist ihr Leben, sie liebt es und sie will es nicht einfach hergeben. 

IC: Activity | SP3: Doing

Er unterhält sich mit ihr und gewinnt ein tieferes Verständnis für ihre Situation. Als sie von der misslichen Lage erfahren, schlägt er die Anzahlung vor. 

OS: Situation | SP3: Past – Welche Geschichte hält die Figuren hier fest?

Sie hängt an dem kleinen Laden, da ihre Großeltern ihr damals die Anzahlung gegeben haben und furchtbar enttäuscht wären, wenn sie jetzt einfach aufgeben würde. Wir erfahren, dass es nicht der erste Stolperstein ist. Dass sie Kooperationen mit lokalen Partnern eingegangen ist, um für die Kunden interessant und wertvoll zu bleiben. Doch all diese kleinen Seitengeschäfte können die Mieterhöhung nicht langfristig tragen. „Ich habe schon so viel versucht, ich weiß einfach nicht weiter.“ 

RS: Fixed Attitude / Mind | SP3: Contemplations

Er spricht seinen Freund an, dass es für ihn doch eine Kleinigkeit wäre, eine Anzahlung zu leisten, damit sie die Ware besorgen kann. 

Teil 4: Hoffnungsschimmer (Fotografie)

MC: Psychology / Manipulation | SP4: Changing one’s nature 

Der Kontakt zum IC verändert ihr denken über ihr Geschäft. „Sie dürfen nicht einfach Pflanzen verkaufen, denen man in einer Vase beim Sterben zuschaut. Die Menschen kaufen einen Moment.“ Sie selbst spricht über Blumen, als seien sie Erinnerung und Lebensgefühl. 

IC: Activity | SP4: Obtaining 

Er entscheidet sich, ihr im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen. Hauptsächlich durch Einbindung in seine Arbeit als Fotograf und durch Kontakte. 

Stellt sich als Fotograf vor, fragt, ob sie Visitenkarten hat. Sie verneint das. Er schlägt vor, ein Foto von ihr zu machen und auf der Hochzeit die Blumenarrangements zu fotografieren, um sie dann anderen Kunden vorzuschlagen. Über einen anderen Freund weiß er, dass ein größeres Hotel in der Nachbarstadt einen neuen Partner sucht. Er könnte sie vorstellen und sie könnte schauen, ob das etwas für sie wäre. 

OS: Situation | SP4: Future – Welche Möglichkeiten ergeben sich – ohne Garantie?

Sie hat neue Ideen, einen neuen Kontakt, der ihr helfen will. (Fotoreportage, Weiterempfehlung bei Hochzeitsfotografie in der Region, Vermittlung an ein Hotel, um regelmäßig Blumenarrangements zu liefern, wenn sie die Stelle bekommt.) Sie lernt, dass sie über ihren kleinen Laden hinaus denken muss, wenn sie den Laden halten möchte. 

RS: Fixed Attitude / Mind | SP4: Innermost Desires

Er möchte ihr über die Hochzeit hinaus helfen. Er meint, er könne doch jetzt nicht einfach wieder gehen. Es wäre ihm wichtig, dass die Hochzeit nicht ihr letzter Auftrag ist. 

Namensfindung

Passende Namen für meine Figuren zu finden, fällt mir immer sehr schwer. Ich habe Chat GPT daher mein Konzept übergeben und mir Vorschläge machen lassen. Die Idee bestand darin, mit den Namen das zu vermitteln, wofür sie stehen. 

Das hier kam dabei heraus: 

  • Hauptfigur: Linnea Rosenfeld 
    Der Bezug zu Blumen ist hier ganz offensichtlich und lag ziemlich auf der Hand. 
  • Impact Character: Florian Falkenau
    Hier wollte ich einen Namen, der irgendwie ein Gefühl von Freiheit vermittelt. 
  • Vermieter: Herr Grosch

Beim Vermieter geht es natürlich um Geld. Und auch wenn meine Kinder nicht mehr wissen, was ein „Groschen“ ist, so fand ich es als Namen doch hart genug, um ihn unsympathisch wirken zu lassen. 

Fazit

Auf eine Art ist es etwas schade, dass ich es nicht geschafft habe, das komplett durchzuziehen. Die Geschichte von Linnea und Florian über den Wert der Blumen wird es wohl daher ausformuliert so von mir zumindest nicht geben. 

Doch ich wollte die Arbeit nun nicht einfach in der Versenkung verschwinden lassen, da es vielleicht für den ein oder anderen interessant ist, wie aus 4 willkürlichen Begriffen am Ende eine Story entstehen kann. 

Was denkt ihr, sollte ich den Versuch in einem anderen Monat noch einmal wagen? 

Storystruktur mit Dramatica: Wie aus vier Begriffen eine Geschichte entsteht
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One thought on “Storystruktur mit Dramatica: Wie aus vier Begriffen eine Geschichte entsteht

  • 25 März 2026 um 12:17 Uhr
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    Nein wie spannend!! Ich finde das total aufregend, dass du das Projekt dafür nutzt!

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