Meine Große ist mittlerweile in der 5. Klasse, und rückblickend würde ich den Kunstunterricht der letzten Jahre als durchwachsen und sehr abhängig von der jeweiligen Lehrkraft bezeichnen. Nicht immer kann ich jeden Arbeitsauftrag verstehen und ärgere mich durchaus auch über mangelnde Führung oder die nicht ersichtlichen Lernziele bei reproduzierenden Tätigkeiten.

An einem Morgen hatten wir in etwa folgendes Gespräch:

„Mama, wir müssen in Kunst jetzt einen langweiligen Schneemann tuschen. Was hat das denn mit Kunst zu tun?“

Die Vorzeichnung der Lehrerin war wohl sehr vereinfacht – also drei Kugeln, Frontalansicht, Hut, Äste als Arme usw. – Der Klassiker eben.

Doch genau hier musste ich nun – für mich selbst überraschender Weise – mal für die Lehrerin in die Bresche springen. Denn das ist nun auch in meinen Augen eine ganz klassische Kunst-Aufgabe. Nicht immer muss die Aufgabe in sich viel Komplexität mitgeben, doch mein Kind darf lernen, die Aufgabe auf seinem Niveau zu bearbeiten.

Da sie bereits die ein oder andere Online Session zum Zeichnen hatte, weiß sie bereits, was „Basic Shapes“ sind und theoretisch auch, wie man sich so komplexere Figuren konstruiert. Es ist jedoch noch kein fester Bestandteil ihres kreativen Workflows. Und so saßen wir zwischen Frühstück und Schulbus und ich erinnerte sie daran, dass die Lehrerin ja nicht davon ausgeht, dass ein Kind in der 5. Klasse sich bereits mit „Basic Shapes“ und professionellen Zeichentechniken beschäftigt hat. Es ist jedoch an ihr, die Aufgabe so zu interpretieren, dass sie ihr gelerntes Wissen natürlich mit einbringen kann.

Kurzer Hand entstanden also mit Kugelschreiber zwei Schneemänner auf Schmierpapier zur Demonstration.

Links ein ganz einfacher Schneemann ohne Perspektive und Details. Rechts ein Schneemann mit Perspektive und Details.
Links eine stilisierte Skizze eines einfachen Schneemanns, rechts unter Anwendung von Basic Shapes und Überschneidungen

Auch in der Tuschausführung gibt es natürlich Variationen: Mache ich einen platten, weißen Kreis, oder arbeite ich mit Schatten und lasse es als Kugel erscheinen?

Am Ende ging es also weniger um den Schneemann als Bildmotiv, sondern um die Erkenntnis, dass die eigene Interpretation der Aufgabe entscheidet, ob es langweilig bleibt oder zur Herausforderung wird.

Collage statt reine Tusche

Nach der Schule bekam das ganze Thema noch einmal eine andere Wendung. Es sollte nicht einfach getuscht werden, sondern nun mehr in Richtung Collage gehen. Hierzu sollten Kreise aus alten Zeitungen ausgeschnitten werden und darauf dann mit Tusche gearbeitet werden.

Die Aufgabe wurde dabei weiter eingeschränkt: Alle sollten eine Frontalansicht malen. Das empfand ich an dieser Stelle wirklich schade für die Kinder und als verschenkte Chance auf didaktischer E. Eine einfache Vorgabe, wie „es müssen drei Kugeln übereinander sein“ hätte ja durchaus auch gereicht und den Kindern genug kreativen Spielraum gelassen. Diese drei Kugeln wären dann die Basic Shapes geworden. Leicht die Achsen einzeichnen, Gesicht und Knöpfe ausrichten und weiter geht’s.

Schneemann-Trio

Um einfach mal zu demonstrieren, wie man ein Schneemann-Thema auch frei interpretieren kann, habe ich mich für euch hingesetzt und Schneemänner gezeichnet. Hier mit Aquarell statt mit dem Schultuschkasten, doch im Grunde ist die Umsetzung nach der Vorzeichnung völlig frei.

Basic Shapes für 3 Schneemänner
Schritt 1: Basic Shapes für drei Schneemänner

Im ersten Schritt zeichne ich ganz leicht die Basic Shapes für drei Schneemänner. Durch die Wahl von Größe und Anordnung werden gleich erste grundlegende Design-Entscheidungen zur Komposition getroffen. Die Schneemänner stehen hier beispielsweise im Raum verteilt und sind entsprechend der Perspektive unterschiedlich groß. Hier darf auch radiert und korrigiert werden, denn die Entscheidungen des ersten Schrittes müssen in allen weiteren Schritten weiter getragen werden.

Die Achsen sind eingezeichnet und erste Details des mittleren Schneemanns.
Schritt 2: Achsen einzeichnen

Im zweiten Schritt werden die Achsen eingezeichnet. Damit richten wir unsere Schneemänner aus und entscheiden nun, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Sind sie einander zugewandt oder abgewandt? Im Foto seht ihr schon erste Details des mittleren Schneemanns, da ich das Foto etwas zu spät gemacht habe.

Vorzeichnung mit Bleistift von drei Schneemännern
Schritt 3: Details einzeichnen

Nun folgen die Details zu den Schneemännern. Wie sind die Arme? Haben sie Hüte? Lachen oder weinen sie? Hierbei berücksichtigen wir möglichst bereits Überschneidungen. Was ist vorn und was ist hinten? So werden Stück für Stück aus den 3 Kugeltürmen verschiedene Schneemänner.

Nach diesem Schritt kann es nun unterschiedlich weiter gehen, je nachdem, ob man kolorieren oder nur schattieren will. Welche Materialien nutzt man? Eurer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Für solche spontanen Bilder bevorzuge ich in der Regel Aquarell und Fineliner, die ich kurzer Hand aus der Kunstkiste im Wohnzimmer hervor holte.

Mit Aquarellfarbe wurde ein blauer Himmel und Schatten auf den Schneemännern eingezeichnet.
Schritt 4: Koloration der Hauptflächen

Ich beginne hier gern mit der großen Fläche. Da ich das Papier in der Schnelle nicht fixiert habe, wellte es sich leicht, doch ich denke, es erfüllt hier trotzdem seinen Zweck. Für Großflächen wie den Himmel nutze ich bewusst einen großen Pinsel. Hier bestimmen wir nun die Grundstimmung des Bildes. Kleiner Tipp: Um die Reflexion von Licht zu zeigen, bietet sich bei Schneemännern ein leichtes, helles Gelb an.

Bleistiftzeichnung von drei Schneemännern mit Aquarell-Koloration
Schritt 5: Ergänzen von farblichen Details

Natürlich dürfen auch die kleinen Details nicht fehlen. Rot-orange Nasen, der schwarze Zylinder, Besen, grauer Topf und die Äste. Diese werden nun alle mit einem feinen Pinsel eingezeichnet. Die Kohlestücke habe ich bewusst ausgespart, da ich bereits wusste, dass ich noch mit Fineliner nacharbeiten wollte.

Finale Illustration von drei Schneemännern mit Aquarell-Koloration und Fineliner-Outlines
Schritt 6: Outline und kleine Details mit Fineliner

Im letzten Schritt habe ich also zu meinen Finelinern gegriffen. Ich habe bewusst für den hinteren Schneemann mit einem dünneren Fineliner (005) gearbeitet, als für den Schneemann im Vordergrund (03). So wird ein Gefühl von Tiefe zusätzlich unterstützt.

Die Vorzeichnung hat übrigens ca. 15 Minuten gedauert. Die Kolorierung lag dann bei ca. 40 Minuten. Wenn wir jetzt wieder zurück zum Kunstunterricht kommen, könnte das also gut ein kleines Projekt über 2 Unterrichtsstunden sein, wenn man die Kolorations bewusst grob lässt. Detailliertes Tuschen mit Deckweiß usw. dauert für Kinder vielleicht etwas länger und braucht dann eben eine weitere Unterrichtsstunde.

Wenn Schneemann zeichnen zu langweilig ist
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