Wie ihr wisst, will ich einen Comic zeichnen, mit dem ich meine Eindrücke und Erfahrungen aus Schwangerschaft und Baby-Zeit festhalten möchte. Im Grunde einfache One-Pager, die vor allem meiner Übung dienen sollen. Dabei bin ich bisher recht intuitiv vorgegangen, da ich vorrangig versuche, die jeweilige Situation auf einer Seite zu verarbeiten. Die ersten fertigen Seiten findet ihr in der Kategorie „Babyjahre„.

Für einen umfassenderen Comic oder eine grafische Novelle sollte man da sicherlich etwas planvoller vorgehen. Daher sammle ich hier einmal ein paar Informationen. Einerseits für eigene Projekte später, andererseits ist es für den ein oder anderen von euch vielleicht auch von Interesse.

Begrifflichkeiten

Comic zeichnen: Aufbau einer Comicseite

  • Panel – die kleinste Einheit im Comic, nämlich das einzelne Bild
  • Strip – eine Reihe von Panels; kennt man aus der Zeitung oder teilweise aus klassischen Comicbänden
  • Halbseite  – Die halbe Seite, z.B. bestehend aus 2 Strips
  • Seite – Die vollständige Seite – 1 Cast, 1 Setting pro Seite
  • Kapitel – Sinneinheit der Story bestehend aus mehreren Seiten
  • Band – Die gesamte Story, wie man sie dann zum Beispiel in gebundener Form in der Hand halten kann

Das starre Konstrukt von Strips wird in grafischen Novellen auch gebrochen und auch bei Mangas kenne ich das bisher nicht. In einem alten Disney-Comicband wiederum trifft diese sehr klare, feste Aufteilung zu.

Vergleich Comic und grafische Novelle

Im Foto zu sehen:

  • Links: Grafische Novelle „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle (Peter B. Gillis, Renae de Liz); Panini Comics
  • Hintergrund: Walt Disney – Die großen Klassiker – „Wir, Micky und Minni“; Horizont Verlag
  • Rechts: Star Wars – Union; Lucas Books & Dino Comics

Comic ist kein Film

Das schöne an der visuellen Erzählung in Bildern ist, dass man anders als im Film die Bilder beliebig komplex gestalten kann. Der Betrachter entscheidet, wie lange er das Bild anschaut und muss keinem festen Zeitplan folgen.

Auf diese Weise können sogar mehrere Zeitebenen in einem Panel abgebildet werden, für die man im Film mehrere Schnitte oder eine Kamerafahrt benötigt hätte. Hier mal eine grobe Skizze einer möglichen Szene.

Comic zeichnen: Mehrere Zeitebenen in einem Panel

Fliehender Täter, Opfer und Ermittler im gleichen Panel.

Hierbei sollte die Leserichtung der Zielgruppe berücksichtigt werden. Im europäischen Raum – und natürlich auch die Amerikaner – lesen wir von links nach rechts. Will ich mehrere Zeitebenen in einem Bild abbilden, müssen die Ereignisse entsprechend ihrer Chronologie von links nach rechts eingearbeitet werden.

Auch bei der Richtung der Handlung sollte die Leserichtung berücksichtigt werden. Man identifiziert sich als Leser unbewusst stärker mit einer Figur, die von links nach rechts geht, als umgekehrt. Widerstände stellen sich uns von rechts entgegen. Schaut euch beispielsweise „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ an. Ihr werdet immer wieder feststellen, dass Gandalf, die Zwerge und Bilbo von links nach rechts vor den Orks fliehen.

Tipps von einem Profi zum Comic zeichnen

Das Team von Millarworld führt eine jährliche Talentsuche nach Comic-Autoren und -Zeichnern durch, bei der auch ein paar Tipps mit veröffentlicht werden. Dort werden Kurzgeschichten über ca. 5 Seiten für die Einreichung abgefragt. Ich habe mir auf Basis der Hinweise für die Einreichung eine kleine Checkliste zusammengestellt, die ich hier mit euch teilen will.

  • Seitenaufbau
    • Ca. 5 Panels pro Page
      Maximal 6 Panels, um nicht am Ende nur eine Reihe von Close-Ups zu zeichnen.
    • Ein Panel auf der ersten Seite groß genug für das Logo und die Credits (Autor / Zeichner)
    • Empfehlung: Eröffnung mit einer 4-Panel-Seite
      Besonders bei Kurzgeschichten in einer Anthologie, um sich vom vorherigen Comic abzusetzen
  • Dialoge
    • Dialoge sollten nur das nötigste enthalten
    • Maximal 3 Sprechblasen in einem Panel
    • Wörter in einem durchschnittlichen Panel zählen und dies als Maximum verwenden

Beziehung der Panels untereinander

Ein paar weitere Hinweis habe ich in einem Buch gefunden, dass ich zu Schulzeiten geschenkt bekam.

  • Leserichtung der Bilder beachten – Je nach Reihenfolge kann ein sehr unterschiedlicher Eindruck entstehen
  • Panelgröße passend zur Geschwindigkeit Handlung: Für schnelle Handlung eher kleine Bilder, langsame Handlung kann man in großen Bildern darstellen

Einflussfaktoren für Anzahl und Größe der Panels

  • zeitlicher Ablauf
  • Bedeutung / Komplexität der Handlung
    Welche Szenen bringen die Geschichte wirklich voran? Welche sind für den Leser interessant?
    Beispiel: Wenn jemand durch eine Tür geht, müssen wir nicht unbedingt zeigen, wie er die Türklinke herunter drückt und dann hindurchgeht. Wir können ihn einfach im nächsten Zimmer zeigen und die Tür vllt. noch einen Spalte offen lassen. – Anders natürlich, wenn es wichtig ist, dass er sehr bedächtig in das Zimmer schleicht.

Mögliche Bildfolgen

Die nachfolgenden Regeln gelten übrigens nicht nur für Comic, sondern natürlich auch für Film.

  • Schuß-Gegenschuß
    oder Over-Shoulder-Einstellungen für Dialoge
  • Achsensprung
    Objekt wird in zwei Panels von gegensätzlichen Blickwinkeln gezeigt, was für den Betrachter jedoch verwirrend sein kann. Eventuell bricht man das, durch ein zusätzliches Bild, dass den Wechsel des Blickwinkels vermittelt. (Im Film könnte man da auch eine Kamerafahrt machen.)
  • Tiefensprung
    Der Blickwinkel auf das Objekt verändert sich nicht, wir kommen diesen in verschiedenen Panels jedoch immer näher.
  • Parallelmontage
    Hierbei werden zwei Handlungsstränge, die aufeinander zulaufen, abwechselnd gezeigt. Auf diese Weise vermittelt man dem Leser das Gefühl, dass die Handlungen wirklich parallel stattfinden. Gleichzeitig kann man auf diese Weise natürlich auch mit der Erwartungshaltung des Lesers spielen.
    Beispiel: Denkt vielleicht an den „Herrn der Ringe – Die Gefährten“. Die Nazgul stehen im Gasthaus „Zum tänzelnden Pony“ vor den Betten der Hobbits. Man sieht kurz einen Close-Up der schlafenden Gesichter. Die Nazgul rammen die Schwerter in die Betten, Close-Up auf Sam, der abrupt hochschreckt. Hand hoch, wer sich da beim ersten Gucken des Films NICHT erschreckt hat.
  • Angrenzende Räume
    Die Darstellung eines Raumes wird auf mehrere Panel aufgeteilt, um eine zeitliche Abfolge darzustellen. Das ist natürlich etwas, dass es im klassischen Film in dieser Form nicht gibt.

Persönliches Fazit

Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich diese Tipps einfach auf die „Babyjahre“ anwenden kann. Dort ist jede Seite vielmehr eine eigene Einheit für sich. Vielleicht sollte ich mich auch einmal an einer Kurzgeschichte versuchen, und hierbei bewusster auf das Layout der Comic-Seiten achten.

Grundsätzlich mag ich den Stil in „Das letzte Einhorn“ sehr gern, bei dem es zwar auch Panel gibt, aber diese oft gepaart sind mit großflächigen Bildern im Hintergrund. Vielleicht wäre das eine mögliche Erzählweise für die Geschichte der Hutmacherin, aber das steht noch in den Sternen.

Quellen

Einen Comic zeichnen

2 Gedanken zu „Einen Comic zeichnen

  • 4 November 2016 um 10:39
    Permalink

    Wow, was für ein Inforeicher Beitrag! Sehr cool :D
    Ich habe als Kind schon gemacht… und intuitiv habe ich sogar einige deiner beschriebenen Sachen richtig gemacht *lol*
    Aber echt interessant was da für eine „Kunst“ dahintersteckt. Sollte ich soetwas mal machen, muss ich mir deinen Beitrag nochmal ansehen ;)

    Antworten
    • 4 November 2016 um 13:01
      Permalink

      Schön, dass er dir gefällt. :) Ich denke, wenn man den ein oder anderen Comic konsumiert hat, ergeben sich bereits ein paar Dinge, die direkt in eine eigene Umsetzung mit einfließen. Auch was die Anzahl der Panels angeht, erreicht man ja schon platztechnisch irgendwann ein gewisses Limit. :-D

      Du könntest einfach anfangen, zu deinen kleinen Figuren eine Geschichte zu erfinden, wenn du das nicht schon getan hast. ;)

      Antworten

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